Das Konzept

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Konzept Empowerment- und Antidiskriminierungsarbeit für Inter*

Um die Bedarfe und Wünsche in Berlin lebender intergeschlechtlicher Menschen und deren Angehörigen in Erfahrung zu bringen wurden von August bis Dezember 2014 zehn intergeschlechtliche Menschen sowie zwei Angehörige in persönlichen, leitfadengestützten Interviews befragt. Die befragten intergeschlechtlichen Menschen waren im Alter von Mitte 20 bis Ende 50. Die beiden interviewten Elternteile haben jeweils ein intergeschlechtliches Kind, wobei das eine Kind heute Mitte 30 ist, das andere Anfang 20. Alle leben in Berlin. Befragt wurden sie über ihre Lebensgeschichte und nochmals explizit über die Erfahrungen der letzten 3-5 Jahre.

Die befragten intergeschlechtlichen Personen hatten unterschiedliche soziale und ethnische Hintergründe (einige mit Migrationserfahrung) und unterschiedliche Bildungs- und Berufsabschlüsse sowie Lebensentwürfe. Einige haben mit schweren Gesundheitsproblemen zu kämpfen, anderen geht es in dieser Hinsicht vergleichsweise gut. Im Arbeitsleben sind wenige in einem festen Angestelltenverhältnis, einige sind freiberuflich tätig oder arbeitslos, wenige leben abgesichert, die meisten prekär oder unter der Armutsgrenze.

Die Lebensentwürfe und Hintergründe der befragten Angehörigen waren unterschiedlich. Einem Elternteil gelang es, sich über Jahre hinweg gegen die gutmeinenden Ratschläge und den Druck des medizinischen Personals und des Umfeldes erfolgreich – aber auf Kosten der eigenen Gesundheit und Lebensqualität – zur Wehr zu setzen.

Die qualitativen und leitfadengestützten Interviews gingen im Durchschnitt über 2-3 Stunden. Zentrale Themen, nach denen intergeschlechtliche Menschen gefragt wurden waren: Persönliche Erfahrungen in der Gesundheitsversorgung und im Rechtssystem, Erfahrungen mit Beziehungen und Sexualität, die Erfahrungen im privaten und öffentlichen Umfeld in Bezug auf die eigene Intergeschlechtlichkeit, Einschränkungen und Erfahrungen in Ausbildung und Beruf, Zugang zu Räumen (z.B. öffentliche Toiletten, eine Reise buchen, telefonische Services, die Identifikation verlangen, Anmeldungen, Bankgeschäfte, Internet, bei Behörden), Erfahrung mit institutionalisierter Religion, Mehrfachdiskriminierung, Erfahrungen mit unterstützenden und beratenden Einrichtungen sowie Bewältigungs- und Überlebensstrategien. Zum Abschluss wurde nochmals explizit nach aktuellen Bedarfen und Wünschen gefragt sowie danach, wie für die Befragten eine hilfreiche und erfolgreiche Empowerment- und Antidiskriminierungsarbeit für Inter* aussehen sollte.

Die Angehörigen wurden nach ähnlichen Aspekten gefragt, diese jedoch leicht angepasst. Gefragt wurde u.a. nach dem Einfluss der Intergeschlechtlichkeit des Kindes auf das familiäre Leben und die Beziehung zum Kind, danach, wie die Intergeschlechtlichkeit des Kindes bekannt wurde, nach den Erfahrungen in der Gesundheitsversorgung und im Rechtssystem, nach dem Verhalten des privaten und öffentlichen Umfelds in Bezug auf das Kind, nach etwaigen Schwierigkeiten in der schulischen Ausbildung des Kindes und gegebenenfalls dafür bekannten Gründen, nach dem Zugang zu Räumen (s. oben), nach Mehrfachdiskriminierung und nach Erfahrungen mit unterstützenden und beratenden Einrichtungen. Gefragt wurde auch danach, inwieweit sich die eigene Situation mit der wachsenden Sichtbarkeit von Intergeschlechtlichkeit verändert hat. Ferner wurde gefragt welche Unterstützungsmechanismen sich die Angehörigen gewünscht hätten und heute wünschen.

Die Ergebnisse aus den Interviews wurden mit 20 schriftlichen Erfahrungsberichten intergeschlechtlicher Menschen und acht Erfahrungsberichten von Eltern aus dem deutschsprachigen Raum verglichen um etwaige Lücken der Diskriminierungserfahrungen und Bedarfe zu schließen. Ausgewertet wurden ferner 20 wissenschaftliche Texte. Die Eröffnungsveranstaltung »Was heißt gute Antidiskriminierungsarbeit für Inter*?« brachte unter anderem ergänzende Informationen dazu, wie konkrete Maßnahmen von Empowerment- und Antidiskriminierungsarbeit aussehen können und ergänzte das Feld der Bedarfe um die Erfahrungen aus der Beratung von intergeschlechtlichen Menschen.

Ungeachtet dessen, dass sich die interviewten intergeschlechtlichen Menschen je nach Persönlichkeit, Lebenserfahrung und Erfahrungen mit dem nahen Umfeld unterschiedliche Bewältigungsstrategien erarbeitet haben, die ihnen helfen als intergeschlechtliche Menschen zu existieren, zeigen sich signifikante Erfahrungsüberschneidungen, die alle von uns befragten intergeschlechtlichen Menschen ungeachtet ihrer Herkunft machen.

 

Häufige Alltagserfahrungen intergeschlechtlicher Menschen sind:

Isolation, Tabuisierung, Traumatisierung, Schweigen und Sprachlosigkeit, Unverständnis und Bevormundung, Absprechen des Wissens über den eigenen Körper, Fehlinformationen, Fehlbehandlung durch Medizin, Misshandlung durch Medizin und in der Familie, Ignoranz und Diskriminierung im Umfeld und das Fehlen einer nicht-pathologisierenden Sprache für intergeschlechtliche Körper. Diese Ergebnisse decken sich mit den schriftlichen Erfahrungsberichten.

Der Normierungszwang und die Stigmatisierung von Menschen als vermeintlich »gestört« und mit einer »reparaturbedürftigen« Geschlechtsentwicklung behaftet zwingen Inter* in die Selbstwahrnehmung als Patient, Opfer oder gar als Monster: Inter*Menschen können deshalb die erlebte strukturelle und institutionelle Diskriminierung oft nicht als solche wahrnehmen. Ohne Alternativen zu einer »Sprache der Störung« ist es für intergeschlechtliche Menschen schwer, dem Druck standzuhalten: Sich nicht selbst zu diskriminieren, zu kontrollieren und zu zensieren oder medizinischen Eingriffen aus rein sozialen Zwängen heraus zuzustimmen.

 

Dringende Bedarfe, die sich daraus ergeben sind:

Sich mit anderen Inter* auszutauschen; (wieder) zu lernen selbst pathologiefrei zu denken und zu handeln; ein pathologiefreies Denken und Handeln beim Besuch von medizinischen Einrichtungen zu erleben; eine pathologiefreie (Peer-)Beratung; das Aufbrechen von Tabus in der Gesellschaft und die Anerkennung dessen, dass intergeschlechtliche Menschen existieren; Inter* sichtbar zu machen und gemacht zu wissen; gehört zu werden; eine eigene Sprache zu (er-)finden; Inter* zu feiern; Selbstakzeptanz zu finden; den eigenen Körper in einem sicheren Umfeld wieder wahrnehmen zu lernen; Wahrhaftigkeit zu leben, also frei von Lügen und Täuschungen, und überhaupt leben zu können; die Isolation zu überwinden; Zugang zu einer patientenzentrierten Gesundheitsversorgung zu erhalten, die die besonderen Bedürfnisse intergeschlechtlicher Menschen berücksichtigt.

Hinzu kommen politischen und rechtliche Forderungen wie z.B. die eines Verbots von medizinischen Eingriffen ohne die vorherige, persönliche, freiwillige und voll informierte Einwilligung, wobei alle Befragten betonten, dass mit »umfassender Informierung« keinesfalls ausschließlich medizinische Informationen gemeint seien. Im Gegenteil gehöre dazu obligatorisch das Gespräch mit anderen Inter* in einem pathologiefreien Setting und in Bezug auf medizinische Informationen die Garantie, dass diese von der Basis des Erhalts der körperlichen Integrität ausgehen. Ein einfacheres Verfahren der Personenstands- und Vornamensänderung auf der Basis von Selbstauskunft wurde ebenso gewünscht wie die Möglichkeit ein »X« in den Pass eintragen zu lassen.

Die Angehörigen wünschten sich bzw. hätten sich dringend Kontakt zu anderen Eltern in einem pathologiefreien Setting gewünscht. Die wachsende Sichtbarkeit von Inter* wurde als Erleichterung wahrgenommen. Stark bemängelt wurde der Druck des medizinischen Personals und die schiere Unmöglichkeit bei Bedarf eine individualisierte Behandlung (z.B. mit Hormonen) für das Kind zu bekommen.

Nach den erhobenen Bedarfen ergeben sich für uns für die »Antidiskriminierungs- und Empowermentarbeit für Inter*« vier Säulen der Arbeit:

A. Sprache

B. Gemeinschaft

C. Aufklärung der Gesellschaft

D. Antidiskriminierungsarbeit in strukturellen Räumen

 

A. Sprache

 
Unsere Bedarfserhebungen haben gezeigt, dass eine nicht-pathologisierende Sprache ausserordentlich wichtig ist, um sich von den normierenden Zuschreibungen und Bevormundungen zu emanzipieren und selber anders bzw neu über die eigene Situation zu reflektieren. Sie wird ebenfalls benötigt für verschiedenste Lebensbereiche, die Inter* betreffen. So gab es den Wunsch nach mehr Materialien wie zB. Sensibilisierungsbroschüren und Handreichungen für Antidiskriminierungsarbeit, die eine nicht-pathologisierende Sprache etablieren. Diese nicht-pathologisierende Sprache gemeinsam mit anderen Inter* zu (er-)finden mit dem Wissen, dass diese dann in Materialien wie Handreichungen und Broschüren gebraucht wird, ist wiederum ein empowernder Aspekt.

Die Handreichungen selber, die eine nicht-pathologisierende Sprache verwenden, bestärkt Inter*Menschen, die diese in verschiedenen Lebenssituationen mitnehmen können, so zum Beispiel wenn Sie sich in ein tendenziell pathologisierendes Umfeld begeben oder einer Berufsgruppe ihr Inter*-Sein erklären müssen. Diese Handreichungen helfen auch der allgemeinen Bevölkerung, je nach Kontext, ihre eigene Geschlechtlichkeit zu hinterfragen und die Situation und die Bedürfnisse von Inter*-Menschen besser zu verstehen sowie ihnen respektvoll, mit einer emanzipierten Sprache, zu begegnen.

 

B. Gemeinschaft

 

1. Peer-Aktivitäten

Inter* haben, wie die Befragung gezeigt hat, aus verschiedenen Gründen häufig nicht den gleichen Zugang zu für andere selbstverständliche Freizeitaktivitäten und noch seltener die Erfahrung, solche Aktivitäten im sicheren Rahmen einer Peergroup zu erleben. Die Erfahrung, Teil einer Gemeinschaft zu sein in der man akzeptiert wird und mit Leuten zusammen ist die die eigene Erfahrung grundsätzlich teilen ist für die seelische Gesundheit der meisten Menschen entscheidend.

 

2. Inter* in der queeren/LSBTIQ-Szene

Inter* sind innerhalb der queeren/LSBTIQ-Szene verhältnismäßig unsichtbar und finden es teilweise schwer sich zu outen. Ebenso gibt es jene, die den Begriff Inter* zwar nicht für sich benutzen, aber die Erfahrungswelt, die wir als »Inter*« bezeichnen, teilen. Es gibt verschiedene Gründe, weshalb das so ist. Inter* zu sein ist gekennzeichnet durch eine Mehrfachstigmatisierung: als körperlich »krank« bzw. »gestört« zu gelten, wenn es um die gesundheitliche Versorgung geht, und dabei als Frau oder Mann eingeordnet und behandelt zu werden, während die eigene Identität dabei oft nicht respektiert oder erfragt wird. Inter*sein spielt oftmals im Alltag eine untergeordnete Rolle und kann beim Wunsch einer Geschlechtertransition oder einer Personenstandsänderung oft sogar hinderlich sein (Intergeschlechtlichkeit ist z.B. ein Ausschlusskriterium unter dem TSG). Auch dies können Gründe sein, wieso Menschen ihr Inter*sein lieber für sich behalten, es verschweigen oder verdrängen.
Da diese Fragen meist individuell und allein verhandelt werden, bleiben diese Themen und Menschen unsichtbar. Dadurch geht Inter*Menschen selbst Empowerment verloren aber auch der queeren/LSBTIQ-Szene gehen somit wichtige Impulse verloren. Die komplexen Fragen der Selbstindentifikation als Inter* bzw. als Person mit gewissen Lebenserfahrungen als intergeschlechtlicher Mensch bedürfen einer genaueren Auseinandersetzung, daher möchten wir hierzu verschiedene Themenabende entwickeln und anbieten, um diesen Zustand zu verbessern.

 

C. Aufklärung der Gesellschaft

 
Die Aufklärung und Informierung der Gesellschaft zu Inter* allgemein sowie zu aktuellen, neuesten europäischen und internationalen, inter*relevanten Entwicklungen sind wichtig, zum einen, damit im Umgang mit intergeschlechtlichen Menschen Vorurteile und falsche Vorstellungen abgebaut werden können und dabei die Sichtbarkeit erhöht wird. Zum anderen hilft es Inter* bei der alltäglichen Sensibilisierungsarbeit, damit ihnen dies, wie häufig bisher erlebt, nicht immer allein als Individuum aufgebürdet und überlassen wird. Auf der entstehenden Webpräsenz werden wir unsere Arbeit dokumentieren & Projektergebnisse für Inter* und einer breiten Öffentlichkeit zur Verfügung stellen. Öffentliche Veranstaltungen und das Erstellen weiterer Materialien, die in Workshops entstehen, werden für die interessierte Öffentlichkeit bereitgestellt. Intergeschlechtliche Menschen können diese Materialien wie Flyer und Verweis auf die Website für ihren Alltag in den jeweilig unterschiedlichen Situationen zur Aufklärung und Sensibilisierung verwenden. Diese Maßnahmen und Materialien entstehen gemeinsam mit intergeschlechtlichen Menschen in Form von Workshops und weiteren gemeinsamen Unternehmungen.

 

D. Antidiskriminierungsarbeit in strukturellen Räumen

 

1. Inter* und der Begriff Behinderung

Aktuell und 2015 stellt sich die Frage ob Inter*Menschen sich unter dem emanzipatorischen Behinderungsbegriff der UN-Behindertenkonvention eingliedern sollen. Die Krüppelbewegung und die Tauben-/Gehörlosen-Community erfahren – teilweise bis ins Detail des Diskurses – eine ähnliche Pathologisierung wie Inter*Menschen, haben sich in verschiedenen Punkten aber schon deutlich stärker aus der Pathologisierung befreit. Notwendig sind hier gemeinsame Gespräche darüber, ob gemeinsame Wege der Antidiskriminierungsarbeit möglich und sinnvoll sind.

 

2. Inter im Beruf

Handreichungen für Inter* in Arbeit wurden bereits von verschiedenen Einrichtungen nachgefragt (z.B. vom Deutschen Institut für Menschenrechte). Bislang ist weltweit eine einzige erhältlich (aus Australien). Diesem Mangel muss abgeholfen werden. Das Material ist auch deshalb wichtig, weil es Inter* hilft, die in Bewerbungssituationen oder auch im Bewerbungsschreiben z.B. Lücken im Lebenslauf oder fehlende Abschlüsse aufgrund von medizinischen Eingriffen erklären müssen oder mit aber Arbeitszeugnisse erhalten haben, die bei ihnen (subtil, aber für Personaler deutlich) gendernonkonformes Verhalten kritisieren.

 

3. Inter in Schule und Ausbildung

Inter wird zunehmend zum Thema innerhalb des Ethikunterrichts bzw. bei für Antidiskriminierungsarbeit offenen Berliner Schulen, wie die uns erreichenden Anfragen zeigen.

 

4. Inter als Patient_innen in der Allgemein und Fachmedizin, sowie der Physiotherapie

Intergeschlechtliche Menschen, die operative Eingriffe hinter sich haben, leiden häufig unter spezifischen körperlichen Einschränkungen wie u.a. Taubheitsgefühl und Schmerzen, die von Vernarbungen an den operierten Stellen herrühren. Auch in Bezug auf die hormonellen Werte (z.B. werden Richtwerte an männlichen und weiblichen Körpern festgemacht) oder körperliche Dispositionen (z.B. Prostata in Kombination mit weiblicher Zuweisung und/oder dem Chromosomensatz) unterscheiden sich intergeschlechtliche Menschen häufig vom medizinischen Normdenken. Alle befragten intergeschlechtlichen Menschen berichteten, regelmäßig im Rahmen allgemeiner medizinischer Untersuchungen auf folgende Probleme zu stoßen: Ihnen begegnet Unglauben, Ablehnung und Grobheit; ihre vorherige Warnung, dass bestimmte »Routine-«Untersuchungen bei ihnen nicht durchgeführt werden können oder (große) Schmerzen bereiten, werden missachtet; ihnen werden Untersuchungen oder nötige Behandlungen durch das medizinische Personal verweigert; medizinisches Personal reagiert mit Ekel auf die körperlichen Merkmale der intergeschlechtlichen Person und führt eine Behandlung schlecht oder fahrlässig aus, die gesundheitliche Komplikationen oder Verletzungen nach sich ziehen u.s.w..

Hier muss intergeschlechtlichen Menschen dringend Material an die Hand gegeben werden, dass sie von der Aufgabe entlastetet, in einer vulnerablen Situation Aufklärungsarbeit leisten zu müssen, die meist nicht einmal Folgen zeigt.

 

5. Weibliche Genitalverstümmelung (FGM) und nicht-eingewilligte Genitaloperationen an Inter*

Die Ministerien für Gleichbehandlung haben in ihrer historischen Stellungnahme vom Oktober 2014 weibliche Genitalverstümmelung (FGM) und nicht-eingewilligte Genitaloperationen bei Inter* auf dieselbe Stufe gestellt und gleichermaßen als äquivalente Menschenrechtsverletzungen anerkannt. Personen, die FGM erlitten haben können rekonstruktiv behandelt werden. Die (komplexen) Rekonstruktionstheraphien wären möglicherweise in ähnlicher bzw. gleicher Form bei operierten Inter* anwendbar und könnte für intergeschlechtliche Menschen einen Weg darstellen zumindest einen Teil der eingebüßten Funktion zurückzugewinnen. Dennoch herrscht generell bisher sehr wenig Bewusstsein darüber, dass am Genital operierte intergeschlechtliche Menschen teilweise exakt die gleichen Schmerzen, das gleiche Narbengewebe und die gleiche Einbuße an Funktion und sexuellem Empfinden erleben wie Menschen, die FGM erlebt haben. Hier muss Antidiskriminierungsarbeit aufklären und sicher stellen, dass nicht die irrige Vorstellung von der »sauberen, aseptischen, chirurgisch fortschrittlichen, wissenschaftlich abgesicherten westlichen Schulmedizin« (im Gegensatz zu der abwertenden Vorstellung von einer »unhygienischen, rückschrittlichen, Frauen unterdrückenden Ritualgesellschaft«) Diskriminierung und Pathologisierung fortführt.

 

6. Sensibilisierung von Behörden & Ämtern

Obwohl schon vereinzelt die individuelle Erfahrungen nicht-geschlechtskonformer Menschen mit Ämtern und Behörden als durchaus positiv erlebt werden, zum Beispiel auf dem Bürgeramt bei einer Reisepass- bzw. Personalausweis-Beantragung, wo der Umgang respektvoll und ohne spürbare Vorannahmen abläuft. Öfter ist es aber erklärungsbedürftig, wenn die (geschlechtlich verortbaren) Vornamen mit der äußerlichen Erscheinung der betreffenden Person für die behördlichen Mitarbeiter_innen nicht im Einklang sind.

 

7. Vernetzung mit anderen in der Antidiskriminierungsarbeit arbeitenden Projekten

Inter* sind überall: Sie haben heretosexuelle, schwule, lesbische und Trans* und andere Identitäten und Lebensentwürfe, sie haben einen Migrationshintergrund, sind taub, erfahren Diskriminierung als zugewiesene Frauen usw. Gleichzeitig haben sie spezifische Bedürfnisse und eine spezifische Lebenserfahrung, die dazu führen können, dass sie im Rahmen einer für eine bestimmte Gruppe gedachte und geeignete Antidiskriminierungsarbeit selbst wieder diskriminiert werden (z.B. wenn im Zusammengang mit Antidiskriminierungsarbeit für Frauen selbstverständlich davon ausgegangen wird, wie der Körper einer weiblich zugewiesenen Person aussieht oder Empowerment über den Stolz auf die Funktionsweise des »weiblichen« Körpers hergestellt wird). Hier kann Aufklärung abhelfen. Gleichzeitig wollen wir durch Vernetzung und Zusammenarbeit unsere eigene Arbeit stärken.

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